Tradition
Vier Linien, die ich unterrichte: woher sie kommen und was sie unterscheidet.
Muay ChaiyaSüdthailand, Linie Kru Lek
Muay Chaiya stammt aus dem Bezirk Chaiya in der Provinz Surat Thani im Süden Thailands und ist über 250 Jahre alt. Als Begründer gilt Por Tan Ma, ein Heerführer aus Bangkok, der als Mönch im Kloster Wat Tung Jab Chang lebte und dort ein System aufbaute, in dem die Verteidigung an erster Stelle steht. Von dort verbreitete es sich über den Süden, bis Plong Chamnongthong den Stil 1909 vor König Rama V. vorführte und ihm damit königliche Anerkennung verschaffte.
Den Stil erkennt man sofort. Der Stand ist tief und kompakt, die Deckung bildet ein Dreieck von 45 Grad: der vordere Arm auf Höhe der Augenbraue, der hintere schützt Rippen und Leber. Dazu kommt die Schrittarbeit Yang Sam Khum, ein Gehen in Dreiecken, das den Oberkörper aus der Linie des Angriffs nimmt, ohne die eigene Position für den Konter aufzugeben.

Die Verteidigung folgt vier Prinzipien: decken, wegschlagen, schließen und öffnen. Keines davon endet in der Abwehr. Jede dieser Bewegungen führt unmittelbar in den Gegenangriff, sodass Verteidigung und Angriff dieselbe Bewegung sind. Wer eine Chaiya-Deckung sauber ausführt, hat den Konter bereits begonnen. Genau das unterscheidet Chaiya vom modernen Ringsport, der nach vorne drückt und Schaden in Kauf nimmt, weil ihn Punktrichter und Rundenzahl dazu zwingen.
Der Unterschied zeigt sich auch im Training. Es beginnt nicht mit Kombinationen, sondern mit dem Stand und dem Gehen. Yang Sam Khum wird über Monate geübt, bevor ein einziger Schlag dazukommt, weil ohne den richtigen Winkel jede Technik ins Leere läuft. Danach kommen die Formen, die Mae Mai und Look Mai, also die Grundtechniken und ihre Anwendungen. Erst dann wird frei gearbeitet.


Die Hauptwaffe ist der Ellenbogen, und zwar auf jeder Distanz: springend und drehend auf Weite, parierend und konternd auf mittlerer Distanz, schneidend und brechend im Nahkampf. Knie werden flach und auf Ziele gesetzt statt mit maximaler Kraft geworfen. Dazu kommen Techniken, die im Sport keinen Platz mehr haben: Würfe, Sperren, Angriffe auf Gelenke und das gezielte Brechen der Struktur. Der eigene Körper wird dabei als Ganzes eingesetzt, nicht als Sammlung einzelner Waffen.
Muay Chaiya ist deshalb keine Sportart, sondern eine Kampfkunst mit einem klaren Menschenbild. Trainiert wird nicht auf Punkte, sondern darauf, unverletzt aus einer Situation herauszukommen und den anderen mit möglichst wenig Aufwand zu beenden. Dazu gehört auch eine Haltung: Der Gruß an den Lehrer, das Wai Kru, ist kein Ritual zur Dekoration, sondern Teil der Ausbildung. Die Linie, in der ich stehe: Großmeister Ajarn Khet Sriyabhai, dann Kru Lek in Bangkok, dann Kobura Muay Thai in Bad Homburg.
Muay MattSagat Petchyindees Muay Thai
Muay Mat ist der Stil, der nach vorne geht. Das hat einen Grund, und der liegt in der Wertung. In den Stadien zählten Kicks und Knie traditionell schwerer als Schläge. Wer über die Hände kam, konnte eine Runde sichtbar dominieren und sie auf den Zetteln trotzdem verlieren. Dem Schläger blieb also nur ein Weg, das Urteil aus der Hand der Punktrichter zu nehmen: der Knockout. Aus dieser Not entstand der Druck, der Muay Mat bis heute ausmacht.
Technisch heißt das: Der Muay Mat arbeitet in Serien statt in Einzeltreffern. Er nimmt bewusst Distanz weg, akzeptiert dabei Gegentreffer und setzt tiefe Kicks nicht als Punktemittel ein, sondern als Vorbereitung, um die Beweglichkeit des Gegners zu nehmen. Der Körperbau passt dazu: kompakt, kurze Arme, schwere Hände, hohe Belastbarkeit.


Der bekannteste Vertreter ist Sagat Petchyindee, geboren am 30. November 1957 als Wirun Phonphimai in Phimai, Provinz Nakhon Ratchasima. Mit 16 kam er ins Porntawee Camp in Nonthaburi, ein Camp, das für hart schlagende Kämpfer bekannt war. Er wurde zum Inbegriff des schwer schlagenden Thais.
Seine Titel: dreifacher Champion im Lumpinee Stadium, dreifacher Champion im Rajadamnern Stadium, also in beiden Häusern, die in Thailand überhaupt zählen. Dazu Weltmeister nach WBC und Weltmeister nach WPMF. Im März 1976 gewann er im Rajadamnern den Bantamgewichtstitel gegen Saksakon Sakchannarong. Später wechselte er ins Boxen und holte auch dort einen WBC Gürtel. Dass ein Muay Thai Kämpfer diesen Weg geht und dort bestehen kann, sagt genug über seine Hände.


Seine Bilanz: 317 Kämpfe, 266 Siege, 40 Niederlagen, 11 Unentschieden, davon 151 Siege durch Knockout. Fast jeder zweite Sieg endete vorzeitig. Er gilt als einer der größten Kämpfer der goldenen Ära, und die Figur Sagat aus dem Videospiel Street Fighter ist ihm nachempfunden, inklusive der Narbe auf der Brust.
Drei Jahre habe ich bei ihm trainiert, täglich zwei bis drei Einheiten, Montag bis Samstag. Was daran zählt, ist nicht die Zahl der Runden, sondern was man in dieser Zeit über Pratzenarbeit lernt: wie man hält, damit der andere trifft und nicht der Halter. Wie man Distanz vorgibt, ohne sie anzusagen. Wann man die Pratze bewegt und wann nicht. Diese Arbeit ist die Grundlage von allem, was ich heute im Muay Matt und im Pad Holding Kurs unterrichte.
Muay ThaiModerner Wettkampfsport
Muay Thai kennt keine Einheitstechnik, sondern Typen. Welcher Typ jemand wird, entscheidet sich über Körperbau, Temperament und darüber, was im Ring belohnt wird. In Thailand ordnet man Kämpfer diesen Typen schon im Camp zu und baut das Training darauf auf.
Muay Femur ist der Techniker und gilt vielen als die höchste Stufe. Er gewinnt nicht über Kraft, sondern über Timing, Distanz, Finten und Konter. Er lässt den Gegner kommen, nimmt ihm im letzten Moment das Ziel weg und trifft in die entstandene Lücke. Ein Femur wechselt ständig die Winkel, arbeitet auf jeder Distanz gleich gut und wirkt im Ring, als hätte er mehr Zeit als alle anderen. Er muss weder der Stärkste noch der Schnellste sein, er muss der Klügste sein. Samart Payakaroon und Saenchai gelten als die Maßstäbe dieses Stils.
Muay Mat ist der Schläger. Schwere Hände, tiefe Kicks, permanenter Druck nach vorne und ein einziges Ziel: der Knockout. Er nimmt Treffer in Kauf, um in die eigene Schlagdistanz zu kommen, und arbeitet in Serien statt in Einzeltreffern. Ein Muay Mat gewinnt selten nach Punkten, weil er dafür zu viel riskiert, aber wenn er trifft, ist der Kampf vorbei. Sagat Petchyindee ist der Inbegriff dieses Stils.
Muay Khao ist der Kniekämpfer. Er sucht den Clinch, hält ihn und zermürbt den Gegner dort über die Runden. Das kostet enorm viel Kondition, Kraft und Nerven, ist aber gegen fast jeden Stil wirksam, weil viele Kämpfer im Clinch schlicht nicht arbeiten können. Ein guter Khao lässt den Gegner gar nicht erst auf Schlagdistanz kommen. Dieselnoi Chor Thanasukarn hat diesen Stil so weit getrieben, dass er am Ende keine Gegner mehr fand.
Muay Tae baut alles auf den Kick auf, vor allem den Roundhouse. Er tritt Arme, Beine und Körper mürbe, in hoher Zahl und mit vollem Körpergewicht, bis die Deckung fällt oder das Standbein nicht mehr trägt. Der Kick ist im Muay Thai die Technik mit der größten Masse dahinter, und ein Tae nutzt genau das aus. Buakaw Banchamek ist der bekannteste Vertreter.
Muay Sok arbeitet mit dem Ellenbogen, der kürzesten und schärfsten Waffe im Muay Thai. Er ist nicht auf den Punktsieg aus, sondern auf den Schnitt, der den Kampf beendet. Weil ein Ellenbogen kaum Vorbereitung braucht und aus fast jeder Position kommt, ist dieser Stil auf engem Raum besonders gefährlich. Ein Sok wartet oft den ganzen Kampf auf eine einzige Gelegenheit.
Kali x SilatFMA & Pencak Silat
Pukulan Pentjak Silat Bukti Negara ist ein javanisch geprägtes System aus Indonesien. Pendekar Paul de Thouars entwickelte es aus dem Serak, das er von Oom John de Vries gelernt hatte, um dessen Prinzipien weitergeben zu können, ohne ein Versprechen zu brechen. 2011 führte Walter van den Broeke Paul de Thouars mit den Erben der Familie de Vries in Holland wieder zusammen, unter anderem mit Oom Dolf de Vries, dem Sohn von Oom Ventje de Vries. Daraus entstand der gemeinsame Lehrplan, der heute als The Unified Art unterrichtet wird.
Bukti Negara ist ein Stil der kurzen Distanz. Es geht nicht um Reichweite, sondern darum, die Struktur des Gegners zu brechen, bevor der Schlag kommt. Gearbeitet wird über Körperhaltung, Winkel und Schrittarbeit, über Hebel, Haken und waagerechte Ellenbogen, und über schwere Schläge aus nächster Nähe. Gelernt wird über Langkah, die Schrittarbeit, und Jurus, die Formen. Ich habe Bukti Negara drei Jahre lang bei Walter van den Broeke im holländischen Verband trainiert.
Buka Jalan Pencak Silat heißt wörtlich den Weg öffnen, und genau das beschreibt den Stil: konstanter Druck, der sich eine Bahn durch die Deckung bahnt. Der Schwerpunkt liegt auf Wurftechniken und Gleichgewichtsbruch, auf Sweeps von innen und außen und auf Würfen über die Kopfdrehung. Zwei Jahre habe ich das bei Guro Bob Dubljanin gelernt, der seinerseits aus der Linie von Guro Dan Inosanto und Guro Cass Magda kommt.
Filipino Martial Arts, im deutschen Sprachraum meist Kali genannt, sind die Kampfkünste der Philippinen. Ihre Wurzeln reichen in die vorkoloniale Zeit zurück, in Stammeskriege und in die Verteidigung gegen Eroberer. Sie sind in erster Linie Waffenkunst, und sie drehen die übliche Reihenfolge um: Man beginnt nicht mit der leeren Hand, sondern mit Stock und Klinge, und überträgt die Bewegungen erst danach auf den waffenlosen Kampf.
Trainiert wird mit dem Rattanstock und dem Messer, dazu Entwaffnungen, Hebel, Kontrolltechniken und vor allem die Verteidigung gegen Stock und Messer. Weil dieselben Winkel und Bahnen für Waffe und Hand gelten, überträgt sich das Gelernte direkt. Fünf Jahre Training in dieser Richtung stehen hinter dem, was ich davon unterrichte.